Die Leuchte Asiens                                      zurück    vorwärts

Event auf dem Filmfest München

Donnerstag, 5. Juli 2001, 20.00 Uhr, Einlass 19.30 Uhr
Muffathalle, Zellstrasse 4

Ein Meisterwerk des Stummfilms mit Live-Musik

Erstaufführung der restaurierten und neu vertonten Fassung des Stummfilms "Die Leuchte Asiens" in der Münchner Muffathalle

Franz Ostens DIE LEUCHTE ASIENS bleibt innerhalb der deutschen Filmgeschichte ein einzigartiges, kurioses Experiment. Aufwendige Ausstattungsfilme mit exotischen Themen und Schauplätzen boomten im deutschen Kino der 20er Jahre, sie entstanden meist in Berliner oder Münchner Filmstudios.
Der Münchner Filmpionier Franz Osten begab sich 1925 mit einem Hilfsregisseur und zwei Kameramännern direkt nach Indien, um dort einen Film über das Leben Gautama Buddhas zu drehen. Produzent war die Münchner Filmfirma Emelka. Die aufwendige Dreharbeiten mit Tausenden von Statisten führten das Team, das außer den vier Deutschen nur aus Einheimischen bestand, samt 30 Elefanten durch 15 indische Städte. DIE LEUCHTE ASIENS, zu damaliger Zeit vielgelobt und weltweit aufgeführt, setzte fortan Maßstäbe für das Genre Monumentalfilm.

Auf Initiative der KirchGruppe wurde der Film in Zusammenarbeit mit dem Britischen Filminstitut London, dem Filmarchiv Prag, dem Labor Ledecki und ZDF/ARTE restauriert. Zu dieser Wiederaufführung wurde vom Münchner Komponisten und Stummfilmspezialisten Pierre Oser eine Musik komponiert, die vom "Ensemble Kontraste" zum Film live gespielt wird und anlässlich des Münchner Filmfests am 5. Juli 2001 unter der Leitung von Frank Strobel uraufgeführt wird.

Musik: Pierre Oser (2001)

Besetzung:
Querflöte, Oboe, Klarinette, Fagott, Posaune,
2 Violinen, Viola, Cello, Kontrabaß

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Kritiken:

nmz 2001/09 | Seite 10
50. Jahrgang | September

Neue Musik zum alten Film
„Die Leuchte Asiens“ auf Arte

Einmal pro Jahr präsentieren Arte und ZDF eindrückliche Dokumente der Stummfilm-Ära in technisch aufgearbeiteter
Form. So feiert im September 2001 der deutsch-indische Stummfilm „Die Leuchte Asiens“ aus dem Jahre 1925 sein Come-back, durch aufwendige Viragierung (Einfärbung) restauriert und von dem Münchner Komponisten Pierre Oser mit einer neuen Musik versehen.

Das Filmepos erzählt die Geschichte des Königssohns Gautama, der seinen Thron für ein Leben der Entsagung aufgab, allbekannt als Stifter des Buddhismus. Aus dem Werk des deutschen Regisseurs Franz Osten atmet Pioniergeist der ersten Stunde, galt doch sein Unternehmen, ausschließlich mit indischen Schauspielern an Originalschauplätzen in Bombay zu drehen, in den 20er-Jahren durchaus als Wagnis. Das Staunen des damaligen Publikums angesichts der exotischen Aufnahmen überträgt sich noch heute: „Every winter large numbers of European tourists are attracted to romantic India – the land of many wonders and many contrasts“, leitet der Zwischentext ein.

Genau jene Perspektive möchte der Komponist Pierre Oser nun auch musikalisch „hörbar“ machen und zwar durch bewusste Verwendung „europäischer Klänge, Instrumente und Klangbegriffe“. Ihm geht es darum, „dieser exotischen Welt mit unseren Mitteln, aus unserer Sicht nachzuspüren“, ohne folkloristisch zu verfremden. Tatsächlich treten die Bilder des Films wie vor einem kontrastreichen Hintergrund konturenscharf hervor, werden atmosphärisch umrahmt, ohne in ihrem fremdartigen Reiz überdeckt zu werden. Dennoch (oder eben deshalb?) finden Musik und Film eine eigentümliche Verständigung, die wohl auch dadurch gelingt, dass auch die Musik von „epischer“ Weite ist – transparent tonal, impressionistisch offen und motivisch fein nuanciert. Der Klangstrom legt sich geradezu wie ein Fluidum zwischen die grobkörnigen Bilder und „Textseiten“ des Stummfilms, ja lässt sich biegsam vom Geschehen formen. So begleitet die Musik die lebendigen Basarszenen mit rhythmisch-komödiantischen Elementen, erhält zu den prächtigen Palastaufnahmen ein monumentales Gepräge und zeigt sich schließlich bei der Erleuchtung Buddhas, an einen Choral erinnernd, selbst in gereinigter Form. Dieser „musikalisch“ restaurierte Stummfilm bringt gewiss mehr zur Sprache als viele seiner „redegewandten Brüder“ – im besten Sinne völkerverständigend.

Gita Magadum

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Neue Zürcher Zeitung | Ressort Fernsehen
13. September 2001 | Nr.212, Seite 69

«Die Leuchte Asiens» in viragierter Fassung König Suddhodana wartet seit langem vergeblich auf einen Thronfolger. Als ein heiliger Elefant ein Kind aus der Menge auswählt und dieses dann ablehnt, gebiert die Königin einen Sohn, der Gautama genannt wird. Nach einem Traum des Königs, sein Thron sei leer, lässt man den jungen Prinzen von allem Elend und Unglück abschirmen. Auf einer paradiesgleichen Insel im Palast wird Gautama mit seiner Gattin Gopa in einem goldenen Käfig gehalten. Doch bei
einem Besuch ausserhalb des Hofs trifft er auf Armut und die Vergänglichkeit des Lebens. Gautama entsagt fortan dem sorgenfreien Dasein, um seinen eigenen Weg zu finden. Erleuchtung und Meditation machen ihn zum Begründer des Buddhismus.

Seit dem Ende des Ersten Weltkrieges lockt die Exotik des Ostens verstärkt Touristen nach Indien. Das Strassenbild der Städte wird bereits vom Gegensatz zwischen Ochsenkarren und Automobil geprägt. Den interessierten Besuchern erzählt ein alter Asket die Geschichte von Gautama, der, unter dem Bodhi-Baum meditierend, den Pfad der Erleuchtung gefunden hat und zu einem der grössten Religionsstifter wurde. Der Münchner Regisseur Franz Osten zeichnet in der 1925 an Originalschauplätzen in Nordindien entstandenen deutsch-indischen Grossproduktion «Die Leuchte Asiens» Gautamas Lebensweg sehr authentisch nach.
Wie viele Werke der Kinematographie ist der Film trotz seinem damaligen Erfolg und guten Kritiken weitgehend in Vergessenheit geraten. Nun ist er in neuem Glanz verfügbar.

Die Münchner KirchMedia hatte in Kooperation mit dem British Film Institute und dem tschechischen Filmarchiv das Prager Speziallabor Ledecki mit der Herstellung einer originalgetreu viragierten Fassung beauftragt. Viele zarte sepiafarbene Braun- und Gelbtöne, nächtliches Blau sowie vereinzelte Grünsequenzen strahlen einen seidigen Glanz aus. Trotz leichten mechanischen Beschädigungen der restaurierten Londoner Archivkopie - vereinzelt sind fehlende Bilder, Laufstreifen und geringer Negativschmutz zu registrieren - bleibt der dokumentarisch-realistische Charakter des Films gut erhalten.

Hervorzuheben ist ausserdem die Neuvertonung: Der in München lebende Komponist und Pianist Pierre Oser hat eine erstaunlich dezente, vornehm zurückhaltende Musik geschrieben, die dem Charakter des Films optimal gerecht wird. Insbesondere wurde nicht der Fehler begangen, die fremde Welt Indiens aus einer pseudorealistisch-folkloristischen Atmosphäre heraus zu illustrieren. Vielmehr wollte Oser durch bewusst westeuropäische Instrumentierung die zeitgenössische Perspektive der Produktion nachempfinden. «Schwebende, rhythmische Flächen, spezifische Melodie und Harmonieführung, tonale Freiheiten und besondere
Klangeffekte» erzeugen seiner Meinung nach eine leichte, transparente Spannung und Harmonie der Geschichte.


Eingespielt wurde die Musik vom Ensemble Kontraste unter der Leitung von Frank Strobel.

«Die Leuchte Asiens» stellt ein einzigartiges filmisches Dokument dar, für dessen Realisierung Franz Osten die grosszügige Unterstützung mehrerer Maharadschas gewann. Ihre Paläste und der zur Verfügung gestellte Hofstaat spiegeln - unter Mitwirkung ausschliesslich einheimischer Darsteller - die ganze Pracht des feudalen Indien wider. Nach dem dokumentarischen Beginn setzt sich eine ruhigere, mit Überblendungen arbeitende Kamera durch, die sich auf das Wesentliche konzentriert. Der Film nimmt dabei die
Perspektive eines westlichen Beobachters ein - für damalige Verhältnisse sehr um Objektivität bemüht. Daraus resultieren
auch zahlreiche Parallelen zu christlichen Topoi, wie etwa der Erlösungsmythos buddhistischer Provenienz. [...]

Josef Nagel


letzte Aktualisierung 15.03.2008 , © Pierre Oser