„Musik ist Gefühl und Landschaft“

Der Komponist Pierre Oser und seine Musik zum Orientzyklus nach Karl May

Von Stefan Keim

Wuchtig-sinfonisch beginnen die Folgen von Karl Mays „Orientzyklus“. In die Pauken und Streicher mischen sich bald Vogelschreie oder Pferdegetrappel, leise kommen auch ein paar orientalische Klänge ins Spiel. „Wir wollen schon ein bisschen die Vorgaben Hollywoods erfüllen“, sagt Hörspielregisseur und Autor Walter Adler. Am Beginn jeder Folge steht eine etwas unwirklich anmutende Gerichtsverhandlung gegen Karl May. Sie wird von ständig wiederholten Motiven wie in der minimal music unterlegt. Wenn es dann in Mays Fantasiewelten geht, wechselt die Musik ihre Klangfarbe. Trotzdem bleibt ein Gefühl des Zusammenhaltes, einer schillernden Tonsphäre aus einem Guss.

Pierre Oser   

Hörspielmusik kann heute vieles bedeuten. Da gibt es die experimentellen Hörstücke, in denen die Musik die Hauptrolle spielt. Oft werden dabei Hörgewohnheiten hinterfragt oder Klänge aus der Wirklichkeit mit komponierten Stücken zusammen gebracht, was interessante Reibungen ergibt. Andere Autoren oder Regisseure bedienen sich aus vorhandenem Material, suchen nach Popsongs oder klassischen Orchesterstücken, die gerade zur Handlung passen. Das hat oft zur Folge, dass die Produktionen zwar abwechslungsreich sind, aber vom Klang her auch beliebig wirken. Collagieren ist eine ebenso große Kunst wie Komponieren. Die aufwändigste Variante der Hörspielmusik ist die Zusammenarbeit mit einem Komponisten, der Originalstücke schreibt. Dafür hat sich der WDR nun entschieden. Kein Wunder, denn der zwölfteilige „Orientzyklus“ ist ein Prestigeprojekt. Regisseur Adler und Komponist Pierre Oser haben zuvor unter anderem die gewaltige Science-Fiction-Saga „Otherland“ zum Klingen gebracht.

Kara Ben Nemsi und sein Begleiter Hadschi Halef Omar reiten „durchs wilde Kurdistan“ und andere Länder, erleben mörderische Abenteuer, jagen eine Art orientalischen Mafiaboss, den „Schut“ und diskutieren zwischen aller Action immer wieder über Glauben und den Sinn des Lebens. Letzteres kam in den bisherigen Vertonungen oder Verfilmungen nur am Rande vor und wurde oft ironisiert. Auch Karl May beschreibt Halef als skurrile Type, weder er selbst noch seine ebenfalls als Hadschi titulierten Vorfahren waren jemals in Mekka, obwohl sich ein gläubiger Muslim erst dann so nennen darf. Doch im Kern ist es Halef sehr ernst, und das stellen Adler und Pierre Oser auch durch die Musik heraus. Sie pointiert nicht den oberflächlichen Witz der Szene, sondern legt unter Halefs manchmal etwas ausufernde Reden ruhige, liegende Tönen. „Ich setze Musik fast nur als Klang ein“, sagt Regisseur Walter Adler. „Musik ist Gefühl und Landschaft. Sie hat mit inneren Zuständen der Personen, aber auch mit Räumen zu tun. Zum Teil gibt es Musik in diesem Hörspiel, die man gar nicht bewusst hören kann.“ Pierre Osers Aufgabe war es, „eine eigene Klangwelt zu erschaffen, in der man gut 50 Minuten versinkt und aus der man dann wieder in die Realität finden muss.“

Pierre Oser hat sich auf erzählende Musik spezialisiert, auf Genres, die immer noch ebenso häufig wie zu Unrecht als zweitrangig gelten. Bühnenmusiken für Theateraufführungen, Soundtracks vor allem für Stummfilme und eben Hörspielmusiken sind sein Metier. „Beim Hörspiel entstehen alle Bilder in der Fantasie des Zuhörers“, erläutert Oser, „es ist eine wunderbare Aufgabe für die Musik, diese Entstehung zu unterstützen.“ Mit Walter Adler arbeitet Oser schon lange zusammen. „Im Laufe der vielen gemeinsamen Arbeiten“, sagt der Komponist, „konnten wir unsere Verständigung über die Funktion, Aufgabe und Wirkung der Hörspielmusik immer weiter verfeinern.“ Bei der Abmischung ist Pierre Oser nicht dabei, da legt er volles Vertrauen auf Walter Adler. Enttäuschung, weil ein aufwändiges Stück nicht im fertigen Hörspiel vorkommt, kennt der Komponist nicht. Da gab es schon vorher eine „Feinabstimmung. Ich weiß genau, für was ich schreibe.“

Auf Walter Adlers dramaturgisches Gespür kann sich Oser wahrhaftig verlassen. Ein Beispiel aus der ersten Folge: Da versinken Kara Ben Nemsi und Halef fast in einem tückischen Gewässer, die Actionszene wird mit einem pulsierenden Rhythmus unterlegt, nicht aufdringlich, im Vordergrund sind die Rufe und Geräusche, aber die Musik schafft eine intensive Stimmung ohne die Vorgänge zu verdoppeln. Nach dem Ende der Actionszene bleibt das Pulsieren, was einen Moment lang irritiert, doch dann folgt erst der emotionale Höhepunkt, der Racheschwur des Arabers Omar. Es kommt Walter Adler nicht auf die Oberfläche an, sondern die seelischen Auswirkungen.

An der Wand des Hörspielstudios hat der Regisseur Fotos aufgehängt, Bilder von Arabern, Beduinen, Kamelen, um die Fantasie der Sprecher anzufüttern. Solche Bilder hat er sich auch mit Pierre Oser angesehen. „Wir reden sehr viel und entwickeln eine Theorie, wie die Musik klingen muss. Dann behaupte ich immer wieder das Gegenteil, stelle neue Anforderungen. Am Schluss haben wir einen Riesenhaufen Möglichkeiten, aus dem wir auswählen können.“ Für diesen kreativen Prozess müssen sich die beiden Zeit nehmen, und Zeit kostet immer auch Geld. Doch das Ergebnis rechtfertigt den Aufwand, denn große Hörspielproduktionen brauchen eine originelle und originale Musik. Auch um auf dem boomenden Hörbuchmarkt mithalten zu können. Das wird dem Orientzyklus problemlos gelingen.

Die ersten vier der insgesamt zwölf Teile des „Orientzyklus“ laufen in WDR 5 am 10. und 17. Dezember ab 17:05 und an den beiden Weihnachtstagen jeweils um 17:03. Die Folgen 5 bis 12 werden ab Anfang 2007 gesendet.