
Nosferatu - Eine Symphonie des Grauens
Stummfilm - Deutschland 1921/ 22, Regie - F. W. Murnau, Buch - Henrik Galeen nach dem
Roman "DRACULA" von Bram Stoker, Kamera - Fritz Arno Wagner, Bauten/ Kostüme -
Albin Grau, Darsteller - Max Schreck, Gustav von Wagenheim, Greta Schröder, Alexander
Granach, u. a.
Uraufführung 4. 3. 1922, Berlin
Musik:
Chor, Klarinette, Cello, Klavier, Neukompositon -
Ritz, Kunkel, Oser
Gesangstexte aus "Nosferatu"
Ovid Metamorphosen
Auszüge
- Von Gestalten zu künden, die in neue Körper verwandelt wurden, treibt mich der Geist.
- Untergegangen ist ein Haus, aber nicht nur ein Haus verdiente unterzugehen; soweit die
Erde reicht, herrscht die wilde Erinys. Man möchte meinen, sie hätten sich verschworen,
Verbrechen zu begehen. Schnell mögen alle die Strafe empfangen, die sie verdient haben.
- Der Ostwind entwich zur Morgenröte, zum Reich der Nabataeer, nach Persien und zu den
Bergen, auf welche die ersten Strahlen des Tages fallen; der Abend und die Küsten, welche
die untergehende Sonne wärmt, sind dem Zephyr am nächsten; in Scythien und dem Norden
fiel der Nordwind ein, der uns schaudern läßt; das entgegengesetzte Ende der Welt
befeuchtet der Südwind beständig durch Regenwolken. Darüber stülpte der Schöpfer den
klaren, schwerelosen äther, dem gar kein irdischer Bodensatz anhaftet.
- Alsbald macht Minerva sich auf zum Hause der Mißgunst, das von schwarzem Geifer starrt.
Ihr Heim ist an der tiefsten Stelle eines Tales versteckt. Kein Sonnenstrahl findet
dorthin den Weg, kein Wind bläst hindurch. Finster ist's und voll lähmenden Frostes, nie
brennt dort ein Feuer, doch Nebelschwaden brauen stets in reicher Fülle.
Drinnen sieht sie die Mißgunst Vipernfleisch essen das gibt ihrem
Laster Nahrung. Von dem Anblick muß Minerva die Augen abwenden. Jene aber erhebt sich
schwerfällig vom Boden, läßt die halbverzehrten Schlangenleiber liegen und geht mit
trägem Schritt einher. Kaum hatte sie die Göttin im Schmuck ihrer Schönheit und ihrer
Waffen gesehen, seufzte sie auf und verzog mit tiefem Stöhnen die Miene. Bleich ist ihr
Gesicht, mager der ganze Leib, der Blick in keiner Richtung gerade, die Zähne sind dunkel
von Fäulnis, die Brust ist grünlich von Galle die Zunge von Gift unterlaufen. Lachen
liegt ihr fern, außer schadenfrohem Gelächter beim Anblick von Schmerzen. Nie kommt sie
in den Genuß des Schlafes, da aufregende Sorgen sie wach halten; vielmehr sieht sie nur
die ihr unwillkommenen Erfolge der Menschen und verzehrt sich bei deren Anblick. So
zerfleischt sie zugleich andere und sich selbst und ist ihre eigene Strafe.
Kälte schleicht durch die Zehennägel, die Adern verlieren ihr
Blut und erbleichen. So kam tödlicher Winter allmählich in die Brust, verschloß die
lebenswichtigen Bahnen und die Atemwege.
- Zuerst bedrängte der Himmel die Erde mit dichtem Nebel, schloß trägemachende Schwüle
in Wolken ein, und während der Mond viermal seine Hörner zum vollen Kreis
zusammenschloß und viermal die volle Scheibe hinschwinden ließ, wehten heiße Südwinde
mit tödlicher Hitze. Es steht fest, daß die Seuche auch in Quellen und Seen drang und
daß viele tausend Schlangen auf den vernachlässigten Feldern umherkrochen und die
Flüsse mit ihrem Gift verdarben. Zuerst zeigte sich die Macht der plötzlich
aufgetretenen Krankheit am Sterben von Hunden, Vögeln, Schafen, Rindern und wilden
Tieren: Der unglückliche Pflüger staunt, daß starke Stiere während der Arbeit
zusammenbrechen und mitten in der Furche niedersinken; ganzen Herden wolliger Schafe, die
jämmerlich blöken, fällt die Wolle von selbst ab, und ihr Körper siecht hin; das Roß,
das vorher schwungvoll gewesen war und hochberühmt im Zirkusstaub, bleibt hinter seinen
früheren Siegespalmen zurück, vergißt die alten Ehrungen und stöhnt an der Krippe,
durch lähmende Krankheit zum Tode verurteilt.
- Der Eber hat verlernt zu zürnen, die Hirschkuh, auf ihre schnellen Läufe zu vertrauen,
die Bären, kräftige Zugtiere anzugreifen. Siechtum hat alles ergriffen: In Wäldern, auf
Feldern und Wegen liegen entstellte Kadaver, und die Luft ist von üblem Geruch verpestet.
Doch, oh Wunder, keine Hunde, keine gierigen Vögel, keine grauen Wölfe haben sie
angerührt! Sie verfallen und verwesen, stiften durch ihre Ausdünstung Schaden und
breiten die Ansteckung weit aus. So gelangt die Pest zu den unglücklichen Landleuten,
richtet noch größere Verheerungen an und herrscht schließlich auch in den Mauern der
Großen Stadt.
Zuerst werden die Eingeweide ausgedörrt, und Anzeichen der
verborgenen Flamme sind Rötung und keuchender Atem, von der Hitze ist die Zunge rauh und
geschwollen; den lauen Winden steht der trockene Mund offen, und der Rachen zieht die
verpestete Luft ein. Sie können kein Lager und keine Höllen ertragen, betten die Brust
hart auf die Erde, und ihr Leib kühlt sich am Boden nicht ab, sondern der Boden erhitzt
sich von der Körperwärme. Da ist keiner, der Linderung schaffen könnte; das
entsetzliche Unheil greift sogar auf die ärzte über, und den Kundigen schadet ihre
Kunst. Je näher einer bei dem Kranken ist, je treuer er ihm dient, desto schneller teilt
er dessen Todeslos. Und da die Hoffnung auf Rettung dahin ist und sie sehen, daß die
Krankheit nur mit der Bestattung endet, lassen sie sich gehen und fragen nicht mehr
danach, was nützen könnte; denn nichts kann mehr nützen.
- Ein vergrabenes Kriegspferd ist der Ursprung der Hornisse.
- Einst hatte eine entsetzliche Pest die Luft vergiftet, und bleich und blutleer waren die
Leiber, von Krankheit gezeichnet. Sobald man, der vielen Bestattungen müde, erkennt, daß
menschliches Bemöhen und ärztliche Kunst nichts ausrichten können, sucht man Hilfe bei
den Himmlischen.
- Es gibt einen abschössigen Weg, von traurigem Taxus umschattet.
- Sie entblößte ihren Hals.
- Siehe, da hat die wachsame Aurora im hellen Osten die purpurnen Tore und die
rosengefüllten Hallen geöffnet.
- Aurora glüht, und die Finsternis ist vertrieben.
Ovid Metamorphosen, Zweisprachige Latein - Deutsch
Fassung, Reclam, Nr. 1360, Hrsg. und übersetzung, Michael von Albrecht