Festivaleröffnung
am Dienstag: Ein Film von Friedrich Wilhelm Murnau
Ein vielversprechender "Sonnenaufgang"
Zwischen den zehn Musikern aus Nürnberg, geleitet
von Pierre Oser, und den Bildern des Meisterwerks aus dem Jahre 1927
herrschte am Dienstag Abend perfekte Harmonie.
Woran erkennt man ein filmisches Meisterwerk? Am kaum zu übertreffenden
Applaus der 650 Zuschauer über 80 Jahre nach der Weltpremiere? An
ihrem Lächeln, am Leuchten ihrer Augen beim Verlassen des Casinos,
das erlebte Glücksgefühle widerspiegelt? Am kollektiven Lachen
des Publikums, das sich aus mindestens vier Generationen zusammensetzt?
All dies konnte man tatsächlich am Dienstag Abend im Casino bei der
Uraufführung der neu restaurierten Kopie von Murnaus Film "Sonnenaufgang",
einem Meisterwerk des Stummfilms aus dem Jahre 1927, erleben. Dieses Ereignis
eröffnete das 5. internationale Filmfestival von Arras. "Lassen
Sie sich verzaubern" forderte der Festivalveranstalter zur Einleitung
auf, und tatsächlich wurde der Zuschauer von einer keineswegs
veralteten Liebesgeschichte ganz und gar gefangen genommen.
Begleitet wurde der Film von einer eigens komponierten Musik des Komponisten
Pierre Oser, in einer Ausführung des Ensembles "Kontraste" aus
Nürnberg. Ein wahres Glück und eine einzigartige Gelegenheit,
gleichzeitig die Bilder auf der großen Leinwand und den Dirigentenstab,
der die zehn Musiker leitet, zu verfolgen. Ja, das Zusammenspiel war perfekt.
Die außerordentliche Modernität Murnaus Schaffens macht wahrscheinlich
die Stärke dieses Filmes aus, der auf einem Buch von Carl Mayer, einem
Vertrauten des Regisseurs, basiert. Sie besteht in erster Linie in der
formalen Realisierung. Oberblendungen illustrieren die Wankelmütigkeit
des treuherzigen Helden, der zwischen der Verführerin aus der Stadt
und seiner aufrichtigen Ehefrau hin und hergerissen ist. Auch in der anfänglich
angekündigten, gut dosierten Komik ist der Film modern. Buchstaben
verschwimmen auf dem Bildschirm und gehen schließlich langsam im
Wasser unter, ähnlich wie die junge Ehefrau später ertrinken
soll. Die Großaufnahmen der Schnauze des betrunkenen Schweinchens
oder die Episode bei dem Barbier sind, neben anderen Szenen, humoristische
Einlagen, die heute immer noch so effizient sind, wie damals.
Ebenfalls zu erwähnen ist die Bildästhetik. Sublime Beleuchtung
verdeutlicht den Kontrast zwischen dem Leben in der Stadt und auf dem Land,
zwischen Arbeits- und Freizeitwelt (und dies bereits im Jahre 1927!). Der
Zuschauer befindet sich in einem Großstadtleben, dessen Turbulenz
durch die schnellen Schnittfolgen intensiviert wird. Die Aufführung
des Films "Sonnenaufgang" am 15. Jahrestag des Mauerfalls in
Berlin hat die Messlatte sehr hoch gelegt. Nach dieser Eröffnung möchte
man sich die ganze Woche von den Veranstaltungen des Festivals "L'Autre
Cinema" in Arras überraschen lassen.