Stummfilm Deutschland 1925/26, Produktion Universum- Film AG, Berlin, Regie - F. W. Murnau, Buch - Carl Mayer nach der Bühnenkomödie von Molière, Kamera - Karl Freund, Ausstattung - Robert Herlth, Walter Röhrig, Darsteller - Emil Jannings, Lil Dagover, Werner Kraus, Lucie Höflich, Herrmann Picha, Andre Mattoni, Rosa Valetti, Musik - Giuseppe Becce
Klarinette, Cello, Klavier, Originalmusik
- Giuseppe Becce
Bearbeitung - Pierre Oser
Zum Film und der Musik:
Die Liste der Namen des im Jahre 1925 entstandene Tartüff- Films liest sich wie das
Who's Who der deutschen Stummfilmgeschichte.
Carl Mayer, namhafter Drehbuchautor der 20er Jahre; Friedrich Wilhelm Murnau, Regie; Karl
Freund, Kameramann mit Vorliebe für Licht und Schatten; Emil Jannings und Lil Dagover,
unvergessene Stars der Stummfilmklassik; Giuseppe Becce, renommierter Komponist diverser
Filmmusiken. Mayer umgab seinen Tartüff mit einer bei Molière nicht vorhandenen
Rahmenhandlung:
Auf Betreiben seiner geldgierigen Haushälterin enterbt der reiche Herr Rat seinen Enkel und wirft ihn aus dem Haus. Doch der junge Mann kehrt verkleidet als Besitzer eines Wanderkinos zurück, führt einen Film über den heuchlerischen "Tartüff" vor und öffnet damit seinem Großvater die Augen.
Jannings schauspielerische Leistung fand 1926, im Jahre der
Uraufführung, keineswegs ungeteilte Zustimmung. Manche Kritiker fanden sein Spiel zu
grobschlächtig und aufdringlich. Anders als von Molière angelegt, gab er dem Intriganten
keine raffinierten Zöge, sondern zeigte ihn als bauernschlauen Bösewicht. Jannings
selbst meinte dazu: "Als ich Carl Mayers Manuskript las, hatte ich die Impression des
Rasputin, vielleicht nicht des historischen. Aber doch die Vorstellung von etwas
Mächtigem, Geheimnissvollen, das einfach durch sein Da - Sein wirkt, die Atmosphäre
verändert, Besitz ergreift, ohne die Hand zu führen, wie ein Alp auf seine Umgebung
drückt, wie ein Untam." Murnau legte ganz bewußt den Schwerpunkt des Films auf die
Molière- Adaption. Sie dokumentiert sehr gut den präzisen Stil Murnaus, der sich hier
als Meister hochstilisierter Bilderarrangements und ironischer Details erweist.
Tartüff lief 1926 zur Galaeröffnung des Berliner Gloria - Palastes (siehe Originaltext)
und wurde von einem Orchester mit wagnerischem Format begleitet. Komponist der
Musik war Giuseppe Becce, einer der europäischen Stars der Stummfilmmusik. Sein
Debüt gab Becce 1913 in einem Wagner- Film als Schauspieler und Komponist der
Musik, die der Wagners verblüffend ähnelte. In den folgenden Jahren lieferte
Becce den Salonorchestern der Provinzkinos die Versatzstücke für die Begleitmusik-
Collagen in Form einer 10- bändigen "Kinothek". 1927 war er Mitherausgeber
eines Nachschlagewerkes mit über 3000 Titeln, die, geordnet nach Charakterstücken
wie "Baccarole bei stürmischer See" ,"Schmachtender Blick"
etc. und aus Oper und Konzert stammend, zur Stummfilmbegleitung umfunktioniert
werden konnten. Becce traf auf selten günstige Voraussetzungen bei der Gestaltung
der Filmmusik zum Tartüff. Der Film stand ihm fertig gedreht und geschnitten
für ausreichende Zeit zur Verfügung. So ist Becces Musik der Schnittfolge von
Murnaus Film völlig angepaßt: eine Vielzahl kleiner und kleinster Elemente,
musikalischer Miniszenen, genau auf die Bildlängen passend, Illustrationen zumeist-
oft auch ins Klischee verfallend, wie es offenbar üblich war in jenen Jahren.
Erinnerungen an den Stehgeiger, an Kurkonzert und Kaffeehaus, dann wieder Anklänge
an Wagner- Harmonik und der expressionistische Reiz von Septimen und Nonakkorden,
der schrille musikalische Zeigefinger und das "Oh Mensch"- Pathos,
alles hart aneinandergeschnitten. Der Grundtenor bleibt heiter, ja beschwingt.
Becce bemüht sich, die Aussagekraft jeder einzelnen Szene wirksam zu unterstreichen,
jede Mimik, jede Geste akustisch herauszumodelieren, um sie so wirkungsvoller
zum Sprechen zu bringen.
Aus dem Programmheft zum Festival "KINO UND KONZERT IM THEATER" in Esslingen 1991
Da ist die häßliche, gelbe Haushälterin, die seit Jahren den alten Rat pflegt. Alt ist er, krank und gebrechlich und braucht viel Aufwartung. Widerwillig sorgt sie für ihn, denn sie hofft ihn eines Tages zu beerben. Doch einer steht ihr im Wege, das ist der Enkel des Alten, von dem sie nur Schlechtes zu berichten weiß.Sie hat den Alten dazu gebracht, sein Testament umzustoßen. Ihr langjähriger Wunsch wird in Erfüllung gehen. Sie ist Alleinerbin. Nun hält sie zitternd und gierig den Brief an den Notar in der Hand, den sie zu Post tragen soll, - da kommt der Enkel. Drohend schüttelt der Alte die Faust: "Nichts mehr will ich von dir wissen, du bist ein Leichtsinn, ein Schauspieler, hinaus mit dir!!" - Doch der Enkel ist jung und klug. Er erkennt den bösen Sinn der Alten und will nicht so leichten Kaufes seines Erbes verlustig gehen, - er wird wiederkommen. Wir wissen es, denn er verrät es uns. Verkleidet kommt er zurück, ein Wanderkino mit sich führend. Er hält vor den Toren des Hauses und lockt die keifende Alte: "Schöne Dame ", sagt er, "schöne Dame, gestattet, daß ich Euch ein Spiel vorführe". Sie erkennt ihn nicht und geschmeichelt von seiner Höflichkeit, erlaubt sie ihm, in der Bibliothek des Hauses das Kino aufzubauen.
- Ich bringe Euch -
- 'Tartüff' oder 'das Spiel vom ehrenwerten Herrn Orgon und seinem viellieben Freund Tartüff. -
Frau Elmire erwartet sehnsüchtig Herrn Orgon, ihren Gatten, von einer langen Reise zurück. Da kommt er. Sie stürzt ihm freudig entgegen. Er jedoch will nichts mehr von ihr wissen, denn sein Freund Tartüff hat ihn gelehrt: Küssen ist Sünde. Keinen Schmuck, keinen Tand will er mehr im Hause sehen, die Dienerschaft wird entlassen. Alles soll so einfach wie möglich hergehen, wenn sein Freund Tartüff erscheint. Tartüff kommt. Orgon erstirbt in Ergebenheit. Er selbst richtet ihm das Zimmer. Er bedient ihn, wie ein Dienen seinen Herrn und hat keinen Blick mehr für seine schöne Frau. Frau Elmire ist sprachlos vor Staunen und Schmerz. Sie kann den Wandel in den Gedanken ihres Mannes nicht verstehen. Der Zufall hilft ihr. In der Brieftasche Orgons findet sie eine Anzahl Quittungen, worauf Tartüff bescheinigt hat, große Beträge für die Armen empfangen zu haben. Sie versteht jetzt. Tartüff ist ein Schwindler. Er hat ihren Mann in seinen religiösen Bann gezogen, indem er sich als Heiligen ausgibt und ihm die Genösse der Welt als verächtlich und gottlos darbietet. Doch Frau Elmire liebt ihren Mann und will ihn sich zurückerobern. Im Garten liegt Tartüff, feist, fett und behäbig, das Gebetbuch auf der Brust. Orgon pflegt ihn und versucht ihm jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Frau Elmire erscheint und findet im Gebetbuch ihres Mannes die Widmung des Tartüff: "Deine Liebe gegen eine Frau darf nichts sein im Vergleich gegen die Liebe zu deinem heiligen Freunde - Tartüff -" Nun erkennt sie die große Gewalt voll, die Tartüff in Händen hält und beschließt, ihrem Mann die Augen zu öffnen. Sie ladet Tartüff ein bei ihr den Tee einzunehmen und bringt Orgon dazu sich hinter einen Vorhang zu verstecken, um ihn überzeugen zu können, daß Tartüff selbst nach ihr begehrlich die Hände ausstrecken wird. Tartüff kommt. Frau Elmire beschwört ihn, das Haus zu verlassen, wenn er wirklich der Freund ihres Mannes sei. Tartüff ist erregt. Er nähert sich begehrlich. Doch plötzlich sieht er in einem blanken Gegenstand das Spiegelbild Orgons, der hinter dem Vorhang hervorlugt. Er verläßt das Zimmer, und Orgon ist beglückt, denn er glaubt, daß seine Frau sich von der Unantastbarkeit Tartüffs überzeugt hat. Als Frau Elmire davon erfährt, beschießt sie das Äußerste zu wagen. Sie macht Tartüff im Garten eine Liebeserklärung, und dieser, entflammt von ihrer Schönheit, läßt alle Vorsicht beiseite. Er fordert sie auf, ihr Mädchen zeitig zu Bette zu schicken, dann wird er zu ihr kommen. Angstzitternd und aufgeregt steht Frau Elmire in ihrem Zimmer. Sie erwartet das Kommen Tartüffs. Ihre Zofe ist eingeweiht. Sie wird im gegebenen Augenblick Herrn Orgon rufen. In der späten Nacht öffnet sich leise die Tür, heraus huscht schattenhaft Tartüff. Er betritt Frau Elmires Zimmer und zeigt roh und brutal sein eigenes Wesen. Plump läßt er sich in den Sessel fallen und macht es sich gemütlich. Er entledigt sich seiner Kleider. Er trinkt. Dann umfaßt er die zitternde Frau Elmire. - Mittlerweile hat die Zofe den widerstrebenden Orgon geholt. Sie zwingt ihn durch das Schlüsselloch die Szene zu betrachten. Er sieht den entkleideten Tartüff, sieht die Sektflasche auf dem Tisch. Er hört, wie seine Frau fragt: "Hältst du das, was wir tun, nicht für Sünde" und hört die Antwort Tartüffs: "Wer im Geheimen sündigt, sündigt nicht!" Da erwacht er aus seinem Wahn. Aufbrüllend stürzt er in das Zimmer und schlägt Tartüff nieder. Dann umarmt er seine kluge Frau und dankt ihr auf den Knien, daß sie Tartüff entlarvt hat. Frau Elmires Hände aber falten sich zum Gebet und sie flüstert: "Ich danke Dir, allmächtiger Gott im Himmel, daß Du meinen Mann aus der Umgarnung dieses Heuchlers befreit hast".
- Das Spiel ist zu Ende. -
Nachdenklich blickt der alte Rat vor sich hin und murmelt kopfschüttelnd, noch ganz im Banne des Gedankens: "Ja, da dürft man ja wirklich niemandem mehr trauen!" Die häßliche Haushälterin, die Erbschleicherin, springt empor und beruhigt ihn: "Das ist doch alles nur Spiel, so böse Menschen gibt es nicht" und wendet sich zu dem Fremden: "Nicht wahr, mein Herr?" Dieser aber reißt Brille und Bart ab und --- der Enkel steht da, der freundlich lächelnd erwidert: "Doch, Sie selbst zum Beispiel." Verdutzt nähert sich ihm die Böse, dann schlägt sie hämisch lachend die Hände ineinander und zischt hervor: "Das Testament krieg doch ich, ätsch! Glaubt ihr denn, daß ich all diese Jahre den alten Trottel um seines schönen Gesichtes willen gepflegt haben". Doch unvermittelt bricht sie ab. Sie erstarrt, Sekunden, Sekunden - und sie erkennt, daß sie sich verraten hat. Hilflos steht der Alte, er starrt hinüber zum Enkel. Der spricht: "Großvater, erlaubt ihr, daß ich Euch von Stunde an die Sorgen in diesem Hause abnehme?" Dann wendet er sich zu der Alten und befiehlt: "Packen Sie ihre Sachen." Glücklich nickt der alte Rat, während die Böse das Zimmer verläßt. Da geht sie auch schön, häßlich, gelb und böse, eilig mit ihrem Bündel zum Tor hinaus. Der Alte aber erscheint am Fenster und ruft erlöst: "Komm mir nicht mehr ins Haus, du Tartüffin." Da steht sie , die Böse, wie erschlagen von allen Seiten, will sich mit dem Schirm wehren und kann es nicht. So flieht sie schreckhaft wie eine Gezeichnete in die Nacht.
Tartüff und - Tartüff -
Carl Mayer:
Nämlich: der Tartüff des Bühnenstückes und der Tartüff des Films. Das Grundsätzlich interessiert mich. Der Bühnentartüff redet, der Filmtartüff - schweigt. Der Bühnentartüff charakterisiert sich durch den Schwall seiner heuchlerischen Worte, der Filmtartüff durch rätselvolle Undurchdringlichkeit. Jannings erfüllt diese Undurchdringlichkeit mit einem so hohen Grade innerer Gesammelt- und Beherrschtheit, daß die Tiefenverhältnisse dieses sonst so kraftvoll nach außen schlagenden Schauspielers in gänzlich neuem Licht erscheinen. Der Film selbst ist - gebettet in ein Rahmenspiel - als eine Art Gleichnis empfunden, das die Tendenz des Wortstückes ins Beispielhafte, Bildhafte, gewissermaßen Anschauungshafte bringt. Es handelt sich also weniger um eine "Verfilmung" des Stückes, vielmehr wurde das herrliche Molière'sche Tartüff- Motiv als solches, Anregung und Anlaß zu einem Film.
F. W. Murnau:
Ein Manuskript von Carl Mayer interessiert mich als solches. Ist die Form diesmal auch weniger "revolutionär" - ich fühlte auch hier das intensive Ringen um den filmischen Ausdruck. - Die durch das Rahmenspiel und das eigentliche Tartüff- Spiel gegebenen Stilunterschiede waren interessant. Denn über das Kostümliche hinaus waren hier Einstellung, Licht und nicht zuletzt die darstellerische Führung von je eigenem Gesetz. Gegen das verstaubte, fast skurrile Milieu des Vorspiels steht die sich in weichen, oft hauchhaften Farben emporbauende Tartüffehandlung. Dieser Kontrast schien mir reizvoll: Dieser Stil-, Spiel-, Bildkontrast.
Lil Dagover:
-Elmire und ich- "Ich habe mich wirklich herzlich gefreut, als mir die UFA diese Rolle gab, weil ich mich immer freue, wenn ich eine kluge Frau spielen kann. Und diese Elmire ist vor allem eine kluge Frau. Eine Frau, die ihren Gatten, die den falschen Freund und Heuchler so schnell durchschaut, und den Irregeleiteten aus den gefährlichen Banden zu befreien vermag. Eine Frau, die denkt, die überlegt, die sich entschließt und ihren Entschluß auch in die Tat umzusetzen versteht. Eine nicht alltägliche Frauengestalt also. Elmire denkt weder an Mord noch Totschlag, noch an Scheidung. Elmire weiß, daß sie eine Frau ist, und kämpft mit jenen Waffen, die einzig und allein dem Weibe gegeben sind: mit List und Koketterie. Diese Elmire ist eine hundertprozentige Frau und eben deshalb ist sie mir in der heutigen Zeit der nicht gerade hundertprozentigen Frauen so sympathisch, daß ich mich über sie herzlich gefreut habe. Ich will auch nicht verschweigen, daß mir die Krinoline und die weiße Perücke den Genuß an der Rolle noch erhöht haben, denn sie kleiden mich gut, und - ich bin nun einmal eine Frau.
Emil Jannings:
-Tartüff und Rasputin- Als ich Carl Mayers Manuskript las, hatte ich die Impression des Rasputin, vielleicht nicht des historischen. Aber doch die Vorstellung von etwas Mächtigem, Geheimnissvollem, das einfach durch sein Da- Sein wirkt, die Atmosphäre verändert, Besitz ergreift, ohne die Hand zu rühren, wie ein Alp auf seine Umgebung drückt, wie ein Untam. Die Macht seiner Gegenwart genügend, um die Frage nach dem Weshalb um Warum, Woher und Wohin verstummen zu lassen. Das ist nicht nur der kleinbürgerliche Schwätzer und Heuchler Molière, der immerhin typische Figur seiner Zeit bleibt, - sondern der Parasit schlechthin, verdichtet zu allgemeingültigem Begriff.